Juist Nordsee

Juist zur Off Season

Juist off season: Jetzt ist die Zeit für echte Seebären!

Juist off season, die beste Zeit für echte Seebären.

Unten schimmert das Watt in diversen Grautönen, oben rattern die Propeller der kleinen Cessna so laut, dass jede Unterhaltung unmöglich wird. Macht nichts, denn bei dem Anblick auf das weite Wattenmeer braucht es ohnehin keine Worte.

Juist zur Off Season

Mit der Cessna in 7 Minuten vom Festland auf die Insel.

Es ist nicht viel Wasser da unten. Manchmal stranden die Fähren auf einer Sandbank, wenn zu wenig Wasser in der Rinne steht. Einmal haben Urlauber sogar eine Nacht auf einem der Frisia-Schiffe verbracht. Aber keine Angst, das kommt sehr selten vor.

Wenn das Boot allerdings erst einmal auf einer Sandbank aufläuft, kommt es so schnell nicht wieder herunter. Dann heißt es warten auf die Flut, und die stellt sich ja bekanntlich erst nach sechs Stunden wieder ein. So etwas passiert, wenn man nach Juist will und den Wasserweg wählt. Juist ist eine der wenigen Inseln, die nur bei Flut, also maximal zweimal pro Tag per Schiff zu erreichen ist. Eben nur dann, wenn Wasser in der Rinne steht.

Früher, als es die Inselbahn noch gab

Ganz früher, das wüsste meine Oma besser als ich, gab es einen Anleger vor Juist, von dem aus die Inselbahn über eine heutzutage, würde es sie noch geben,  wohl verbotene Schienenkonstruktion auf Stelzen praktisch durch das Wasser Richtung Insel aufbrach. Was für ein Abenteuer! Ich erinnere mich vage an harte Holzbänke und Nordseewasser auf den Schienen. Und natürlich an den Empfang auf dem Inselbahnhof, der auch heute noch, wenn auch anderweitig genutzt, zu sehen ist. Dort saßen früher die bereits urlaubenden, wohl erholten und gebräunten Gäste auf der Mauer und schrien den Neuankömmlingen mitleidig entgegen: “Ohhhhh wiiiiiiie blaaaaaassss!”

Heute ist das natürlich alles etwas anders. Heute gibt es einen vergleichsweise großen Hafen mit einem eigens ausgehobenen Hafenbecken. Die Inselbahn ist Schnee von gestern, doch neue Gäste werden bei Ankunft noch immer abgeholt und die, die schon wieder nach Hause müssen, werden gebührend verabschiedet. Wenigstens von den Kofferträgern, die die Hotels zum Schiff schicken. Denn, ach ja, Autos gibt es ja keine auf der längsten Insel der Nordsee. Nur Pferde und Fahrräder. Und der Arzt darf in Notfällen natürlich auch zum Auto greifen.

Juist zur Off Season

Dünen, Himmel, Meer und Strand. So ist Juist, wenn sonst keiner da ist.

Wir, also meine Mutter und ich, reisen mindestens einmal im Jahr auf unsere Lieblingsinsel, die ich seit mehr als 30 Jahren und sie seit mehr als 60 Jahren regelmäßig besuche. Irgendwann packt uns beide die Sehnsucht..nach der Nordsee, der steifen Brise und dem längsten und für uns schönsten Strand der Welt. Wir brauchen dann das Pferdegetrappel auf den Kopfsteinpflasterstraßen beim Aufwachen, den vagen Geruch von Pferdeäpfeln in der Luft und das Geklapper der Fahnenmasten im Wind.

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Nebensaison: November für echte Seebären

Wir beide zusammen reisen immer in der Nebensaison, im November oder kurz vor oder nach Ostern, denn dann ist es verhältnismäßig leer auf Juist und unser Lieblingshotel Pabst lockt uns mit schönen Angeboten wie dem Champagner Arrangement: 4 Tage Juist, 4 Tage durchatmen, 4 Tage Meer und Himmel und wieder von vorne.

Fliegen oder Schiff?

Fliegen tun wir eigentlich nie aber diesmal musste es sein, denn wir haben es geschafft das Schiff zu verpassen. Tja, so sind wir. Reden soviel unterwegs, dass wir es auch nach so vielen Jahren noch schaffen, eine Ausfahrt zu verpassen. Und zu spät anzukommen an Norddeich Mole und uns ein bisschen dafür zu schämen, dass uns so was immer wieder passiert und gleichzeitig ziemlich froh sind, dass wir “unter uns” sind und wenigstens kein Dritter dumme Kommentare loslässt. Wir buchen uns den Flug und lachen drüber. Hat doch alles geklappt, sagen wir dann, und die Begebenheit wird zu einer neuen Geschichte.

Fliegen bei Windstärke sieben ist nicht jedermanns Sache, schon gar nicht die meiner Mutter in einer Cessna mit acht Plätzen. Wir vertrauen dem wortkargen Piloten, der die Tour mehrmals am Tag fliegt, begeben uns in seine Obhut, schnallen uns an und brauchen genau sieben Minuten, um vom Festland in die Luft und von der Luft den Boden der winzigen Landebahn auf Juist zu berühren. Sieben Minuten,  die gerade ausreichen, um den Blick über das weite Wattenmeer, Norderney, die Nachbarinsel und natürlich das schmale Juist schweifen zu lassen. Vorausgesetzt, man öffnet die Augen, was meine Mutter erst nach einiger Überredungskunst und für einen sehr kurzen Moment wagte. Beim nächsten Mal. Wenn wir nicht das Gefühl haben, mit der nächsten Windböe bis nach Helgoland gepustet zu werden.

Wir krabbeln aus der Maschine und stehen auf der Landebahn im Wind und müssen uns anstrengen, um den kurzen Weg von dort zur Kutsche vor dem ebenso winzigen Flughafengebäude hinter uns zu bringen. Zwei Islandpferde und eine Kutscherin erwarten uns und die anderen neuen Gäste und nachdem letztere das Gepäck verstaut hat, trappeln die beiden Pferde gen Juist Dorf, vorbei an Dünen auf der einen und Wattwiesen auf der anderen Seite, in denen Fasanen und Möwen kauern, die sich heute bei dem Sturm energiesparend lieber am Boden aufhalten.

Schlafen bei den Päbsten

Nach gut 30 Minuten hält die Kutsche vor dem Hotel Papst, gegenüber des Köbes, in dem ich als Jugendliche diverse ausschweifende Parties gefeiert und Nächte durchgetanzt habe. Damals, als wir hier Pfingsten und Silvester verbracht haben und als erstes unsere Uhren mit einem Juist-Sticker abklebten, denn die Zeit, die brauchten wir hier nicht, sie sollte stehen bleiben weil es so schön war hier mit all den Freunden, die wir uns hier mindestens einmal pro Jahr trafen. Ein Ausnahmezustand war das. Und die Zeit, die ist natürlich nie stehen geblieben.

Juist zur Off Sesason

Strandpromenade: menschenleer und sonnig.

Hier also, im Hotel Papst gegenüber vom Köbes, der auch heute noch eine Kneipe ist, wohnten meine Mutter und ich für die nächsten 4 Tage, auf die wir uns schon seit dem letzten Jahr gefreut hatten.

Die Päpste führen ihr Familienhotel mit Leidenschaft und geben uns, also den Gästen, dieses wohlige Gefühl, wieder angekommen zu sein. Da, wo man am liebsten immer wäre, wo das Leben sorglos ist und der Wind alles, was noch anhaftet, einfach davon trägt. Die Päbste bieten den warmen Ruheraum für die Stunden nach den endlosen Strandspaziergängen über den endlosen weißen Sand am Meer entlang. Ordentlich durchgepustet kommen wir hierher zurück für einen Ostfriesentee oder verziehen uns gleich in den Saunabereich und bleiben dort, eingemummelt in flauschige Decken auf Liegestühlen mit dicken Matratzen und dösen vor uns hin.

Hotel Pabst

Hotel Pabst auf Juist
Foto: Hotel Pabst

Außerdem müssen wir einmal am Hammersee entlang und durch das Wäldchen zur Domäne Bill laufen und dort ein Stück Rosinenstuten essen. Danach geht es weiter um die Westspitze der Insel, das Ende der Insel, das immer weniger wird. Jetzt zur Nebensaison sieht man besonders deutlich, welche Kraft das Wasser entwickeln kann wenn man sich die abgerissenen Dünen dort hinten anschaut. Manchmal trifft man hier auch auf Robben, die am Strand liegen. Zarte Wesen, die man am liebsten streicheln möchte – und das natürlich nicht tut.

Lütje Teehus & Co.

Im Dorf gehört natürlich ein Besuch des Lütje Teehus im Januspark mit Ostfriesentee und frischer Waffel dazu. Und selbstverständlich gehen wir zum Ententeich und einmal in die katholische Kirche, denn hier waren wir beide, meine Mutter und ich gleichermaßen, in unserer Kindheit häufig mit meiner Oma, Mamas Mutter. Neben der Kirche stehen noch immer ein paar Telefonzellen, Relikte aus einer anderen Zeit. Damals bildeten sich Schlangen vor den gelben Kästen, denn niemand hatte ein Telefon auf dem Zimmer oder das Telefonieren von dort war zu teuer und von sowas wie einem Mobiltelefon konnte noch lange keine Rede sein.

Juist for Off Season

Auf dem Weg zur Mitte: der Januspark.

 

Einmal gehen wir auch über den Deich, in beide Richtungen, erinnern uns an die Inselbahn und bestaunen den Hafen. Wir gehen am Kino vorbei und schauen, was läuft, auch wenn wir nie eine Vorstellung anschauen. Abends sitzen wir schließlich bei Papst beim Abendessen und genießen unser Menü und das sorglos sein.

Und tschüss!

Am Tag vier frühstücken wir und stellen unsere gepackten Koffer vor unseren Türen, die der Gepäckträger pünktlich abholt und sie schon einmal zum Schiff bringt. Vor Ort müssen wir nur noch unsere Gepäckscheine bei ihm abholen. Sorglos eben.

Wir besteigen das Schiff und suchen uns bei kühlem Wetter einen Platz unten im Schiffsrumpf. Setzen uns neben und zwischen die wenigen anderen Passagiere, spüren das leichte Ruckeln, wenn das Schiff ablegen, hören das Schiffshorn tröten und schauen wehmütig zu, wie die kleine Insel sich immer weiter von uns entfernt und wir dem Festland entgegenfahren. Eine andere Welt auf der anderen Seite der Erde, so scheint es.

Es ist genug Wasser da an diesem Tag und ich bedaure das ein wenig. Gerne wäre ich noch ein bisschen länger geblieben, hätte die Zeit angehalten, nur für einen Moment, um noch nicht wieder zurück in die Realität zu müssen.

Gut zu wissen, dass das sorglos sein ganze 7 Minuten mit dem Flugzeug und 1 Stunde 30 Minuten mit dem Schiff entfernt liegt.

Auf der Fahrt zurück erzählen wir uns noch einmal von allem, was wir gesehen haben und ich sage: “Ach Mama, ich freu mich jetzt schon, wenn wir wieder kommen.” Und sie antwortet: “Ja, ich auch.”

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Anreise nach Juist

Übernachten auf Juist 

Hotel Pabst 

 

Juist zur Off Season

Juist: Strand und Strand und Sand.

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